Warum Tobias Schlegl ein Held ist.

Ungewöhnlich große Worte, doch sind sie zu Recht: Der Moderator Tobias Schlegl will seinen TV Job ruhen lassen und Rettungssanitäter werden. Das ist ein einmaliger Schritt in unserer Medienlandschaft und er damit ein gesellschaftlich Kleinod.

Möglicherweise wird Ihnen dieser Text persönlicher und ernster vorkommen, als viele andere Texte auf dieser Seite. Das ist einem besonderen Anlass geschuldet, den ich Ihnen gerne erkläre.

Ich hatte niemals Helden in meiner Kindheit und auch heute mag ich mich nicht so recht mit dem Gedanken anfreunden, berühmte Personen als Vorbild zu nennen oder als besonders wertvoll heraus zu stellen. Natürlich, gibt es einige Menschen der Öffentlichkeit, wie der Philosoph und Autor Richard David Precht oder Regisseur David Lynch von denen ich sehr viel halte, doch sie Held nennen? Davor graust es mir.
Auch das Wort Vorbild gehörte nie zu meinem Repertoire.

Wieso also im Fall von Tobias Schlegl, einem ehemaligen Trash-Talk Moderator von Pro7, diese starken Worte?
Tobias Schlegl fing mit sehr jungen Jahren als Moderator bei VIVA interaktiv an. Es folgten mehrere eigene TV Shows auf Viva und Pro7, die er moderierte.
Gerhard Schröder berief ihn sogar in den Rat für nachhaltige Entwicklung.
Schlegl war ein recht gefragter Moderator für kleinere Formate und Marketingfilme großer Firmen, ehe er die Moderation von Extra3 übernahm, einer gesellschafts- und politisch kritischen Satireshow im norddeutschen Rundfunk.
Spätestens hier zeigte er, dass er auch ein gesellschaftliches Engagement inne hat und wurde im Jahr 2012 Co Moderator bei Aspekte im ZDF.

Tobias Schlegl hat eine solide Fernsehkarriere hingelegt und würde sicherlich auch in Zukunft in allen Medien nahen Bereichen eine gute Anstellung finden. Trotzdem hat er sich nun mitten in seiner Karriere für einen radikalen Wechsel entschieden. Er möchte (Quelle: http://www.sueddeutsche.de/panorama/berufswechsel-moderator-tobias-schlegl-wird-notfallsanitaeter-1.3078472 ) „Rettungssanitäter“ werden.
Einfach so, weil „er etwas gesellschaftlich Relevantes machen wolle“. Dafür pausiert er seine TV Karriere, die noch viel steiler hätte verlaufen können.

Er macht damit etwas, wovor es dem Verfechter unseres Kapitalismus graut: Er möchte nicht mehr wachsen und verzichtet aus moralischen Gründen auf den Ausbau seiner Karriere.
Dieser Vorgang ist wohl einmalig in der deutschen Medienlandschaft. Zwar gab es in der Vergangenheit den ein oder anderen „Promi“, der nach seiner Medienkarriere in fremde Berufsschichten schnupperte, doch tat man das vor allem aus Not heraus, weil diese Personen medial aufgebraucht waren und keine große Zukunft in der Medienwelt mehr vor sich hatten.
Schlegl aber tut dies einfach so, weil er „mal etwas anderes machen möchte“. Etwas, dass für die Gesellschaft von größerer Relevanz ist, als kritisch die Sicht der Dinge zu betrachten und dafür übertriebene Summen aus dem Topf der GEZ Zahler zu erhalten.

Andere Moderatoren würden nicht einmal im Traum daran denken, sich aus ihrer gehobenen Position zu verabschieden, auf ihre Karriere zu verzichten und etwas zu machen, was relevanter ist, als jeder Beruf in der Medienbranche, doch lächerlich schlecht bezahlt wird.
Nun ist Tobias Schlegl sicherlich kein landesweit berühmter Spitzenmoderator und wird dementsprechend auch eingeplant haben, dass er in Zukunft in seiner Budget Planung kürzer treten muss. (Laut Artikel wird er aber möglicherweise aufgrund des geringen Ausbildungsgehalts ein paar kleinere Radioshows u.ä. beibehalten)

Andere, mit Abstand wohlhabendere Menschen spenden einen fast lächerlich geringen Prozentsatz ihres Reichtums, um sich moralisch frei zu kaufen.
Ein Schlegl aber gibt alles auf, um das Wertvollste, was ein jeder besitzt, zu spenden: Seine Zeit.

Das Investieren von Zeit für gesellschaftliche und soziale Belange kann keine Spende der Welt ersetzen. Auch keine „weißwaschende“ Stiftung eines Fußballers.
In Zeiten, in denen Christiano Ronaldo mit Lobesvideos zugeschüttet wird, weil er Fotos mit Kindern im Rollstuhl macht und seine Fans nicht wie Dreck behandelt, muss man sich fragen, ob unsere Gesellschaft nicht schon lange vergessen hat, dass derartige Dinge selbstverständlich sein sollten und jeden Menschen auszeichnen müssten?
Ronaldo zum Beispiel handelt nicht etwa besonders sozial. Er handelt so, wie man es von einem Menschen mit gesundem Menschenverstand und Empathie erwarten sollte. Das er einer der wenigen ist, die sich so verhalten, zeigt eher, dass wir mittlerweile die falschen Helden verehren…
Ein Fußballer ist kein Held. Er ist Sieger oder Verlierer in einer Sportart, die einst sein Hobby war und mit Hilfe dieses Quäntchen Glücks er nun übermäßig viel Geld verdient. Wer dieses Glück nicht als solches versteht, der ist selbst empathielos.

Schlegl jedoch geht noch weiter: Seine Handlung wäre damit zu vergleichen, dass Ronaldo jetzt seine Karriere beenden würde und ab sofort als Altenpfleger in seiner Heimat tätig wird. Das wird mit Sicherheit niemals passieren, leider. Er wäre ein eben solcher Held und nicht nur ein glücklicher Fußballspieler, der sich aus unerfindlichen Gründen als Held verehren lässt…
Schlegl aber ist all das.

Sie werden jetzt sicherlich sagen, dass ich damit alle anderen Sanitäter degradiere, aber dem ist nicht so. Ich und Sie, wir haben (vermutlich 😉 ) nie das Gefühl gehabt, auf der Karriereleiter in einer Position zu sein, in der wir derartige Summen verdienen, die Existenzängste lächerlich machen würden. Ein Gefühl, dass wir wissen, dass wir mit einem Traumjob viel Geld verdienen und immer wieder eine Anstellung in unserer Traumbranche finden würden, weil unsere Arbeitgeber auf uns zukommen und nicht mehr wir auf sie.
Sollte es Ihnen doch genau so gehen, kann ich Ihnen nur gratulieren!
Wenn Sie tatsächlich in einer solchen Position sind, stellt sich für Sie nämlich die Frage: Warum sollte ich all das aufgeben? Sie werden sich fragen, ob Sie nicht genug spenden oder soziale Projekte unterstützen etc. …
Wenn Sie einmal in einer solch herausragenden Position sind, geben Sie sie nicht mehr so schnell her. Warum sollten Sie auch? Niemand zwingt Sie dazu und Sie verdienen Ihr Geld auf legale Art und Weise ohne sich schämen zu müssen. Das ist mein völliger ernst.
So ist es auch bei Schlegl gewesen. Und dennoch gibt er nun all das auf, um seine Zeit der Gesellschaft zu schenken.
Darum versteht weder ein Rettungssanitäter, noch viele andere Menschen, die ebensolche Berufe tagtäglich ausüben nicht das Opfer, dass jemand bringt, wenn er aus einer solchen Position alles hinwirft. Und zwar nur aus moralischen Gründen, nicht weil er es müsste.

Das unterscheidet Schlegl von den Alltagshelden, die sich im Krankenhaus abrackern oder kranke Menschen im Altenheim pflegen.
Wir würden aus einer Schlegl-Position heraus niemals ohne weiteres freiwillig Rettungssanitäter werden. Ich nicht und wahrscheinlich auch Sie nicht.
Zudem hat Schlegl zuvor sein Geld auch mit Sendungen verdient, die der Gesellschaftlich dienlich waren und Missstände angesprochen haben. Aber auch das war ihm nicht genug, vielleicht weil es keine direkte Hilfe für irgendjemand war.

Schlegl zeichnet es daher aus, dass er  so etwas tut. Könnten Sie sich etwas derartiges bei jemanden wie Stefan Raab vorstellen?
Er ist mit Ende 40 in eine Art Frührente gegangen und hat seinen Erfolg durch TV Total darauf aufgebaut, dass er sich über andere Menschen lustig macht, die sich unbeholfen in der Öffentlichkeit bewegen. Moralische Bedenken? Die hat er niemals gehabt, weil er seine eigene mediale Präsenz stets kontrolliert hat, sein Privatleben abgeschottet hat, weil er irgendwann die finanziellen Möglichkeiten dazu hatte und denen, die es nicht taten sagte, dass es ihre Entscheidung sei. Das wird akzeptiert, weil unsere Gesellschaft der Meinung sei, dass er sich das Recht darauf durch seine eigene Leistung erarbeitet habe. Vom Metzgermeister zum Medienmogul eignet sich wunderbar für solch abstruse Geschichten unserer neoliberalistischen Welt…
Leistung vor Moral ist zum Lebensprinzip geworden.

Und wissen Sie welche Personen unsere Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten nie vergessen wird?
Die Ronaldos und Raabs.

 

Beitragsbild:

von Oliver Reetz (Lars Meier Management) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons

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