Zwanzigsechzehn.

Eine Neujahrsansprache über Terror, Titten und den Wetterbericht. Ohne Ti…ere.

Kennen Sie übrigens die Serie „Ein Herz und eine Seele“ ? Wahrscheinlich schon, ebenso wie „Ekel Alfred“.
Aus heutiger Sicht ist es äußerst interessant zu sehen, wie man zur damaligen Zeit den Konflikt zwischen der 68er Bewegung und rechtskonservativen Bürgern künstlerisch aufgearbeitet hat. Alfred Tetzlaff verkörpert einen völlig überzeichneten konservativen Bürger der damaligen Zeit, der in politischen Diskussionen oft mit seiner Tochter und ihrem Freund aneinandergerät.
Interessant ist, dass beide gegensätzliche gesellschaftliche Vorstellungen haben, sie jedoch nicht selten die Ablehnung gegenüber der Regierung vereint.
Da es sich bei Tetzlaff und Co natürlich um eine Kunstfigur handelt, sind die gegensätzlichen Positionen des liberalen Schwiegersohns und ihm oft überzeichnet. Der umgangssprachliche „Ekel Alfred“ kommt nicht von ungefähr.
Eigentlich politisch völlig inakzeptabel, aber aufgrunddessen auch geliebt.
Wenn Sie sich heute die Kommentare zu dieser Serie auf Youtube anschauen, werden sie feststellen, dass viele Menschen heute „Ekel Alfred“ lieben. Nicht für seine Überzeichnung, sondern für seine Inhalte. „Damals konnte man das noch sagen“, ist da noch harmlos.
Die Zuschauer im Jahre 2016 nehmen die Inhalte von Alfred für voll, ja sie unterstützen sie sogar und mögen ihn deshalb. Mit der einstigen Intention der Kunstfigur Alfred Tetzlaff dürfte das noch relativ wenig zu tun haben…
Ein eigentlich gesellschaftlich inakzeptabler Rechtskonservativer wird heute als Held gefeiert.
Diese überraschende Erkenntnis brachte mich unter anderem auf diesen Artikel.

Egal, wie sehr wir uns einreden, dass das Jahr 2016 als besonders schlecht in Erinnerung bleiben wird – abgesehen von zahlreichen Verlusten bekannter Persönlichkeiten werden wir uns nicht mit der Hoffnung begnügen können, dass wir die Ereignisse des Jahres außerhalb unseres Privatlebens als Kapitel hinter uns lassen können.
Wir leben in einer Welt, die in einer Aufruhr ist, wie sie es zuletzt in den 1960er Jahren war. Ein Ende dieses Prozesses wird auch ein neues Jahr in keinster Weise ändern. Ändern müssen wir uns. Und zwar dringend.

Es ist nicht die Angst vor dem, was vor 70 Jahren war, was wir uns vor Augen führen müssen, sondern vor dem, was wir noch nicht kennen.
Die Situation auf diesem Planeten schrie bereits seit der 70er Jahren nach Veränderungen – zurecht. Doch weder die politische Weltordnung, noch das gesellschaftliche Klima wich allzu sehr von der Linie ab.
Wir stehen nun vor einem innergesellschaftlichen Konflikt, der nicht mehr an Nationen gebunden ist.
Grob gesagt ist es der Konflikt zwischen einer gereiften 68er Bewegung, den Etablierten und einer neurechten Gegenbewegung. Wir dürfen die Gesellschaft aber nicht mehr nach sich abstoßenden Gegenpolen durchleuchten, sondern müssen sie viel mehr als mehrpoliges Konvolut verstehen, bei dem politische Radikale fließend sein können.
Linke und rechte Ränder greifen sich gegenseitig Themen ab, während die selbst titulierten Demokraten aus der Mitte nicht selten doch eher nach rechts neigen.
Durch unklare politische Positionen können auch Populisten lagerübergreifend Wahlen gewinnen. Das haben wir 2016 erlebt.

Wir stehen vor einem sehr diffusen, durch politische Entscheidungen kaum mehr lösbaren, Problem:
Unsere globale Wirtschaft, die gleichzeitig unseren Alltag bestimmt, agiert seit langem immer mehr wie ein Staat. Abhängigkeiten der Nationalstaaten sind untereinander so groß geworden, wie es in der bisherigen Menschheitsgeschichte nur innerhalb eines Staats / Reiches vorkam. Egal, ob wir von der internationalen Erdölpolitik, Schuldenaufnahme oder made in China sprechen. Die Weltwirtschaft ist so sehr staatenübergreifend miteinander verstrickt, dass kaum ein moderner Staat sich aus diesem Gefüge ausklinken kann. Täte er dies, würde er mehrere Jahrhunderte zurückfallen. Weder eine flächendeckende Ernährung seiner Bevölkerung wäre sichergestellt, noch eine Nutzung zeitgenössischer, technischer Errungenschaften. Ohne den Handel mit den USA, Südkorea, Japan oder China wäre ein Staat entdigitalisiert. Anders herum würden technische Komponenten aus anderen Staaten fehlen, die erst dazu beitrugen, die globale Digitalisierung zu ermöglichen. Das System selbst mag fehlende Kettenglieder über einen Zeitraum kompensieren können, doch die Kettenglieder würden allmählich zu rosten anfangen.

Der engen Verknüpfung von Staaten steht jedoch unsere derzeitige weltpolitische Realität gegenüber, nämlich die der souveränenen Nationalstaaten.
In der Geschichte der Menschheit gab es so eine Situation noch nie. Noch nie war die gesamte Menschheit so sehr sprichwörtlich miteinander vernetzt und dennoch Sklave ihrer nationalen Identität.

Die technische und wirtschaftliche Realität hat die geopolitische Realität überrollt. Dabei bleiben zunehmend Menschen auf der Strecke, deren Berufsbilder immer weniger gebraucht werden.
Das gab es natürlich schon immer, doch das Ausmaß im 21. Jahrhundert ist viel größer, als es zuvor der Fall war. Auch die Geschwindigkeit, mit der sich rund um den Globus Dinge verändern, ist viel schneller geworden. Das liegt an eben dieser globalen Verknüpfung von Wirtschaft und allen technischen Konsequenzen, die sie nach sich zieht.
Viele Menschen finden in dieser Welt keinen Platz mehr. Entweder weil sie den digitalen Fortschritt nicht mittragen wollen oder, weil sie durch ihre Qualifikation gesellschaftlich irrelevant geworden sind. Zumindest durch politische und wirtschaftliche Entwicklungen, die die eigene berufliche und finanzielle Existenz in Frage stellen.
Für diese Entwicklung steht ganz besonders der us-amerikanische Wahlkampf, der die alten Industrieregionen, die heute bedeutungslos geworden sind, in den Fokus gerückt hat. Menschen, die mit der Globalisierung nicht zurechtkamen und von ihr übergangen wurden, sich jedoch immer noch in starken Nationalstaaten befinden, sind ein neues Phänomen.
Die Arbeit, die einst ins Ausland verlagert wurde, um effizienter sein zu können und den selben Menschen Dinge günstiger anbieten zu können, wird von ihnen nun vermisst. Ein Vakuum ist entstanden, dass der Kapitalismus nicht von alleine füllen kann.

Nie zuvor hatten wir eine vergleichbare Situation. Vergleiche mit den 1910er Jahren verbieten sich nachdrücklich.
Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt nicht, wohin der Weg führen wird und das ist das eigentliche, gefährliche Problem. Weder muss es in einen dritten Weltkrieg münden, noch in einer globalen Aussöhnung, die eigentlich überhaupt nicht nötig wäre…
Weil die globale Wirtschaft als Einheit über das Leben auf diesem Planeten entscheiden kann, werden feindlich gesonnene Nationalstaaten mit wirtschaftlichen Sanktionen belegt (siehe Russland). Werden wir in 100 Jahren diese Form der Schädigung anderer Nationalstaaten bereits als „Gefecht“ innerhalb eines anhaltenden Krieges sehen? Dann hätten wir bereits heute eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen den USA und Russland.
Die Bewertung dieser Situation müssen wir jedoch Historikern in der Zukunft überlassen.
Doch wäre es eine mögliche Deutung der Geschehnisse unserer Zeit.

Was wir bereits heute als Reaktion auf dieses bizarre Ungleichgewicht sehen, ist ein Erstarken der nationalen Identitäten / des Patriotismus.
Jeder Staatsmann, der etwas auf sich hält, trägt heute einen Ansteckpin seiner Nationalflagge. Haben Sie es bemerkt? Selbst Obama trägt Flagge.
Die Reaktion der Politik auf die wirtschaftlich, technische Realität sind also starke Staaten. Das ist ein großer Widerspruch und lässt viele Fragen offen. Die Menschen wollen von der Globalisierung durch Luxus und günstige Produkte profitieren, aber gleichzeitig denken sie, wären sie besser ohne dran. Um aus dieser Situation herauszukommen, wählen sie Populisten, weil die Situation sich seit Jahrzehnten zuspitzt.
Ob diese Populisten links oder rechts stehen spielt dabei eigentlich keine große Rolle mehr, auch wenn rechte Populisten durch den patriotischen Aufruf deutlich mehr Aufwind bekommen.
Wie zu Anfang erwähnt, sind diese Übergänge fließend. Es geht vielen Wählern einfach nur um den Protest, denn sie spüren die immer größer werdende soziale Ungerechtigkeit, die aus der Diskrepanz von globaler Wirtschaft und Politik entsteht. Das Trumps Positionen sowohl links, als auch rechts sind, ist ein bemerkenswertes Symptom dafür.
Auch in Deutschland vermischt sich beides.
Ob die Apelle zum friedlicheren Umgang mit Russland oder der Wille die etablierte Politik zu erneuern, die politischen Ausläufer verketten sich miteinander, auch wenn sie in ihren grundsätzlichen Ansätzen immernoch völlig verschieden sind.
Das betrifft aber vor allem die Sozial- und Flüchtlingspolitik.
Die Globalisierung ist nicht zuletzt auch ursächlich für die derzeit alles überschattende Flüchtlingssituation.
Hier wird es zunehmend schwieriger zwischen rassistischen und gemäßigten Positionen zu unterscheiden, weil Positionen und Aussagen einzelner Parteien bei unentschlossenen Bürgern für Zustimmung sorgen können.
Vielleicht mag Bürger XYZ die NATO Politik nicht, ist selbst eigentlich kein Rechter, findet aber die hohen Flüchtlingszahlen nicht richtig. Er lässt sich von den Parolen der linken und rechten Rändern fangen und landet nachher bei der AfD, weil er die Teile ihrer Programmatik, die ihm in Zukunft schaden könnten, gar nicht kennt. Die selbe Person könnte jedoch auch links wählen, denn bei einer solch wagen politischen Position gibt es die parteipolitischen Unterschiede nur im „Wie & Warum?“.
Diese Situation ist wirklich gefährlich, denn sie ermöglicht es Parteien mit einer Vielzahl rechtsextremer Politiker, wie sie die AfD mittlerweile (!) ist, gesellschaftsfähig zu werden.

Nachdem die offene Gesellschaft im Geiste der zu Anfangs angesprochenen 68er Bewegung für einen Teil der Gesellschaft keine Verbesserung brachte, begibt sich dieser Teil nun auf neurechte Wege und verachtet die „linksgrünversiffte“ Politik, mit der er sich nicht mehr identifizieren kann. Eigentlich erhofft er sich eine neue Gegenbewegung, die es seit Hitlers Zeiten nicht gab und durch eben diesen eigentlich für immer gebrandmarkt war.
Dadurch, dass wir nie eine rechte Alternative neben der CDU/CSU in der BRD hatten und die CDU sich jüngst ein Stück nach links verschob, konnte die AfD endgültig Fuß fassen. Sie ist kein Schandfleck, wie es beispielsweise die NPD ist, sie spricht konsequent die Mitte der Gesellschaft an. Eine Toleranz zum Rassismus war auch hier immer vorhanden und führte zwischenzeitlich nur zur Toleranz, jedoch nie zur gänzlichen Akzeptanz von Einwandern.
Eine Partei wie die AfD kann also auch in Deutschland auf fruchtbaren Boden stoßen, solange sie nicht die Extremität der NPD ausstrahlt.

 

Bei all diesen Aspekten sehen Sie, dass es nicht möglich ist, das Jahr 2016 auszublenden und die Situation einfach auszusitzen. Das liegt daran, dass wir nicht von monokausalen Ereignissen geredet haben, sondern uns in einer jahrzehntelangen Entwicklung befinden, die 2016 besonders stark geblüht hat.
Sie könnte 2017 gar so sehr ausschlagen, dass die Ereignisse von 2017 als besonders geschichtsträchtig angesehen werden könnten.
Das halten Sie für unwahrscheinlich? Mit Marie LePenn an der Macht (und sie führt in den Umfragen), wäre Frankreich der nächste Ausstiegskandidat aus der EU. Schließlich steht der Austritt auf der Agenda der Front National. Ein Austritt Frankreichs würde nach dem Austritt Großbritanniens faktisch das Ende der EU bedeuten, da müssen wir uns nichts schön reden. Wir wären dann auch in Europa in einer völlig unklaren, neuen Situation.

In der so liberalen EU hätten wir plötzlich wieder starke Nationalstaaten, die sich gegenüberstehen.
Das hat in der Geschichte bisher immer für Katastrophen gesorgt und kann in unserer globalisierten Welt keine Lösung mehr sein.
Wir müssen uns überlegen, wie wir fernab von populistischen Lösungen anfangen die Globalisierung selbst zu gestalten. Das fängt bei einer Reform des Schulsystems an und hört bei einem Grundeinkommen auf.
Die Lösungen, die nationale Stärke versprechen und Abkapselung bedeuten, können nicht funktionieren. Weil sie es in der Vergangenheit nicht taten und in der heutigen Welt nichts mehr mit der Lebenswirklichkeit zu tun haben.

Am Ende bleibt auch 2017 der Wähler die mächtigste Institution in der westlichen Welt, denn nur er kann wirklich bestimmen, in was für einer Gesellschaft er leben möchte. Er sollte dieses Recht klug nutzen und keine Partei wählen, die ihm dieses Recht nach und nach entziehen könnte, ohne, dass er es merkt.
Hoffen wir, dass er endlich vernünftig wird, von seinem Sofa aufsteht, sich mit den Veränderungen in der Werlt beschäftigt und von nun an lernt unsere Welt im Jahr 2017 endlich zu verstehen…

 

 

Beitragsbild:
Jose Mujica, ehemaliger Präsident Uruguays.

von Vince Alongi [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

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