Wo sind all die Foren hin?

oder: Die “Ent-Diversifizierung” des Internets.
Vor kurzem erst habe ich mich bei der Suche nach Informationen wieder einmal gefragt, warum aktive Fachforen oder private Webseiten mehr und mehr aus dem Netz zu verschwinden scheinen.
Was ist da genau passiert? Eine ernüchternde Retrospektive.
Ich bewege mich etwa seit meinem 11. Lebensjahr im Internet, also seit der Jahrtausendwende. 2001 habe ich meine erste Homepage erstellt, ein eigenes Forum über Raub- und Großfische folgte. Als Heranwachsender war ich sehr aktiv in der aufblühenden Aquaristikszene im Internet. Es gab eine unfassbare Vielzahl von Foren. Sie sind aus den Boden geschossen, als gäbe es nichts anderes mehr.
Diese erste Welle der sozialen Interaktion über das Internet war ein blühendes Zeitalter für solide Erfahrungswerte von anderen Hobbyisten oder Spezialisten. Die neuen Möglichkeiten einfacher Interaktion ließ viele Tätigkeiten erst wirklich aufblühen. Der Austausch untereinander führte über einen längeren Zeitraum somit auch zu einem großen Informationsschatz, auf den man mehr und mehr Zugriff hatte.
Du hattest eine spezifische Frage, die dir niemand wirklich beantworten konnte, da Fachwissen von Nöten war? In den entsprechenden Foren fandest du sicherlich nach einiger Zeit Rat.
In der privaten Aquaristikszene waren so in den späten 00er Jahren um die 5 große, deutschsprachige Foren mit leicht 4-stelligen, täglichen Besucherzahlen. Neue Beiträge fand man im Minutentakt. Es wurde immer etwas geschrieben. Immer etwas diskutiert und immer etwas nachgefragt, für das jemand eine fundierte Antwort parat hatte.
Dass dieser Quell des Erfahrungsschatzes, der letztlich zu wertvollen Informationsbibliotheken führte, irgendwann ein Ende finden könnte, daran dachte damals eigentlich niemand. Viel zu erfolgreich und viel zu etabliert war das System “Forum”. Das Internet war noch in seinen Kinderschuhen und man vermutete eher eine weitere Expansion dieser Entwicklung.

Mein Forum im laufe der 2000er Jahre.

Als “Forum” bezeichnete man umgangssprachlich jedwede Art von Plattform, die mit oder ohne Registrierung von Benutzern, das Erstellen von sogenannten “Threads” zuließ, auf die andere Nutzer antworten konnten. Mehrere Foren, mit verschiedenen Kategorien, wurden als “Board” bezeichnet. Umgangssprachlich blieb man jedoch meist beim Terminus “Forum”, so dass ein Forum aus mehreren Unterforen bestehen konnte, um verschiedene Themen besser differenzieren zu können.
Unterschiedliche Foren- bzw Boardsoftware war damals ausreichend verfügbar. phpBB war ein sehr häufig gewähltes, kostenloses Projekt, das mit der Qualität kostenpflichtiger Anbieter, plus diverser Modifikationen professionelle Lösungen bot.
Kostenpflichtige Anbieter waren z.B. Woltlab oder Invision Power. Der Markt war groß, das Interesse an Foren riesig. Nicht nur gab es sehr professionelle, erschwingliche Software für den eigenen Server, sondern auch Anbieter, bei denen sich ohne Vorkenntnisse ein eigenes Forum hosten ließ. Ein Forum sein Eigen zu nennen war sprichwörtlich ein Kinderspiel.
So entstand zu Spitzenzeiten gefühlt alle 8 Wochen ein neues Forum, während andere, kleinere nach kurzer Zeit wieder schlossen. Für die Masse war das jedoch irrelevant. Der Markt war übersättigt und nicht selten kam es durch die neue Art digitaler Kommunikation, mit der viele überfordert waren, zu menschlichen Konflikten, die so manch einen dazu brachten Foren den Rücken zu kehren. War es doch nicht selten mühsam seitenweise “Off Topic” Inhalte zu lesen, weil bestimmte Personen sich in einer Diskussion “festgefressen” hatten.
Der gemeine “hört doch auf zu diskutieren!”-Mensch war da schnell überfordert, denn er wollte keine komplizierte, konfrontative, menschliche Komponente. Er suchte Foren für sein Seelenheil und Ratschläge auf, weniger  dafür, mit rabiat geschriebenen Sätzen in etwas hinein gedrängt zu werden, mit dem er nie partizipieren wollte.
Man könnte sicherlich Seiten darüber verfassen, womöglich sogar soziale Studien dazu anfertigen, wie Forendynamiken Menschen beeinflusst haben. Wie sie mit diesem neuen Medium umgegangen sind und warum einige dabei aufblühten, andere völlig überfordert waren.
Aber so ist es immer, wenn Menschen aufeinander treffen. Es gibt Meinungsdiversität und Foren waren ein perfekter Ort dafür, mit all ihren Funktionen, diese auszutragen. So manchem Forum hat das aber auch seine Existenz gekostet. Am Ende sind Menschen Wesen, die individuell sind. Die Auswahl an konkurrierenden Foren war so groß, dass man quasi immer irgendwo einen neuen Platz finden konnte, wenn einem die “Stimmung” anderswo missfiel. Einfache “Block” Funktionen waren zu der Zeit kaum verbreitet. Heute eigentlich nicht mehr vorstellbar.

Aber waren diese Konfliktpunkte unter Menschen der Grund für das Aussterben der Foren?

Vermutlich nicht. Einen neuen Rückzugsort gab es immer. Auch wenn nach einigen Jahren eine gewisse “Übersättigung” bei vielen aufkam, kam erst dann etwas, das Foren den ersten Todesschlag gab: Das Web 2.0. und die Zentralisierung des sozialen online Leben.
Erst StudiVZ, dann Facebook.
Riesige Portale, die schnell zum “sozialen Marktführer” wurden und Menschen aller Interessensgebiete beinhalteten. Die reine Quantität sprach für sich. Facebook & Co boten zudem Gruppen an, die im Prinzip die selben Funktionen wie Foren aufwiesen. Der Unterschied war jedoch, dass Facebook irgendwann bei fast jedem vorhanden war. Es war eine zentralisierte, soziale Plattform, auf die fast jeder Zugriff hatte. Interessengruppen auf Facebook explodierten förmlich, da es schlichtweg einfacher war alles auf einem Blick zu behalten. Seine Freunde, die man wirklich mochte und privat kannte, ebenso wie seine Interessen. Facebooks Angebot war viel zu verführerisch, als dass man auf in die Jahre gekommene Foren, die einen eigenen Account erforderten, zurückgreifen wollte. Facebook bot Spiele zur Unterhaltung und die Möglichkeit in seiner eigenen Bubble jene Menschen wegzublocken, die diese Bubble störten und jene Freunde zu haben, die einem wichtig erscheinen.
Man spürte förmlich, wie die Facebook Gruppen Menschenmassen aus den Foren sogen. Das war der Anfang vom Ende.
Die Dichte an Fachforen wurde immer geringer und viele schlossen nach vielen, vielen Jahren qualitativ hochwertiger Inhalte. Doch schlossen sie nicht nur, sie verschwanden in Gänze. Alle Informationen, teilweise über mehr als ein Jahrzehnt zusammengetragen, verschwanden mit einem mal aus dem Internet, weil die meisten kein Archiv behielten, sondern komplett aufgaben.
Dieser Prozess zog sich mehrere Jahre, bis 2018 der Gnadenstoß für die meisten Foren gekommen war: Die DSGVO, eine neue Datenschutzgrundverordnung.
Die neue europäische Verordnung brachte Gesetze mit sich, die insbesondere Betreibern von Webseiten, die eine Registrierung und somit Lagerung von empfindlichen, persönlichen Daten, ermöglichten, Auflagen gab, die viele nicht mehr bereit waren zu erfüllen. Zumal die Haftung und die damit verbundene, mögliche finanzielle Belastung bei einem Datendiebstahl Dritter so groß war, dass keine Privatperson sich mehr diesem Risiko aussetzen wollte.
So kam es also, dass nur noch ein paar wenige, hartgesottene oder kommerziell betriebene Foren übrig blieben. Der Rest wurde Ende der 2010 er Jahre einfach weggewischt.

Was wir uns jedoch nun alle fragen: Wo finden wir die alten Forendiskussionen und Inhalte heut zu Tage?

An dieser Stelle wird es ernüchternd. Wir finden sie gar nicht mehr. Facebook ist heute längst auf dem absteigenden Ast und kaum ein Mensch unter 30 lässt sich noch dafür begeistern. Das Niveau innerhalb von Facebook Gruppen war immer deutlich niedriger, als es in den meisten Fachforen war. Das hat viele abgeschreckt. Experten und Spezialisten haben sich ganz zurückgezogen und so sind auch Facebook Gruppen & Co heute nur noch Schatten ihrer selbst, in denen oft ein sehr rauer Umgangston herrscht.
Aber auch aufgrund des ineffizienten Aufbaus der Gruppen, kaum mehr eine nachhaltige Wissensakkumulation stattfindet.
Die Themen, die hohe Qualität und vor allem die Menschen, die vor vielen Jahren noch Foren am Leben gehalten haben, sind verstreut und nicht mehr organisiert. Dementsprechend katastrophal sieht es auch heute aus, wenn man mit seinen spezifischen Fragen um Rat sucht.
Auf mein persönliches Beispiel, der Aquaristik, bezogen bedeutet das konkret, dass es keinen einzigen Anlaufpunkt mehr für mich gibt, wo ich davon ausgehen könnte, kompetente Hilfe zu bekommen. Die paar Foren, die noch übrig geblieben sind, werden oft nur noch von einem harten Kern sporadisch besucht. Diversität in den Erfahrungen bzw. Antworten: Fehlanzeige.
Ich bin vor 1,5 Jahren, nach 21 Jahren Süßwasseraquaristik, in die Meerwasseraquaristik eingestiegen. Informationen? Musste ich mir zusammenkratzen. Hilfe? Fand ich nie.
Jedes Thema wirkte, als sei es noch nie besprochen worden oder aber es gab immer die selben 2 – 3 verbliebenen Foren, wo immer die selbe Ahnungslosigkeit von vorne abgespielt wurde.
Habe ich eine konkrete, fachspezifische Frage zu dem Thema, finde ich keine Anlaufstelle mehr und google lieber mehrere Stunden, um irgendwo noch etwas zu finden, was mir weiterhelfen könnte, ohne in einen fachlichen Diskurs zu kommen.
Doch beim Googlen kommt die nächste Ernüchterung dieser Entwicklung:

Auch private Webseiten sind wie vom Erdboden verschluckt.

Vergleiche ich die 00er Jahre mit den letzten 5-7 Jahren, so kommt mir das Internet immer eindimensionaler vor. Suche ich Erfahrungswerte von Menschen, Informationen, die sie niedergeschrieben haben, finde ich sie in keiner großen Suchmaschine mehr.
Dabei ist es nicht einmal so, dass all diese kleinen, urigen Privatseiten verschwunden wären. Sicherlich haben viele im Laufe der Jahre auch aufgegeben. Spätestens dann, als die DSGVO kam und es vielen Laien einfach zu “heiß” wurde.
In den 00er Jahren waren in der aquaristischen Szene zum Beispiel weitaus mehr Privatseiten zu sehr spezifischen Themen verfügbar, als heute. Ich würde soweit gehen und sagen, dass selbst für einen Neuling in einem so komplexen Thema lange Zeit keine Fachliteratur notwendig gewesen wäre, weil es so viele engagierte Privatleute gab, die qualitativ hochwertige, frei verfügbare Inhalte erschufen.
Heute ist es kaum mehr möglich auf diese Seiten durch bloßes “googlen” zu stoßen, wenn sie überhaupt noch existieren.
Das Internet wurde gänzlich vom Kapitalismus gefressen. Ja, der böse Kapitalismus. Seine Mechaniken sind heute jene, die uns genau diesen Effekt spüren lassen…
Google als Marktführer zu verstehen ist ein eigenständiger Job geworden. Suchmaschinenoptimierung, kurz SEO, ein essenzieller Part für große Webseiten. Etwas, wovon die meisten Privatleute keine Ahnung haben und keinen Wert darauf legen.
Schlussendlich landen ihre Seiten so weit hinten bei Google, weil der Algorithmus sie verschmäht. Diese flächendeckende Nutzung von Suchmaschinenoptimierung war damals noch kaum präsent. Ich betrieb lange Zeit die Webseite “RaubfischWiki”, die bei Google äußerst erfolgreich war. Eine Datenbank über Raub- und Großfische, bei der 90% aller Datenbankeinträge einer Art immer das erste Suchergebnis bei Google waren. Das wäre heute aufgrund der großen Konkurrenz kaum mehr möglich zu erreichen. Kommerzielle Seiten haben längst die Überhand gewonnen, kleine Privatseite ohne SEO werden stiefmütterlich behandelt.

Es ist die Monotonisierung des Internets.

Eine Informations-Dystopie, von der kaum jemand redet und die niemand vor 15 Jahren erahnt hätte.
Diese Entwicklung wird von der Öffentlichkeit wenig bis gar nicht beachtet, denn es gibt da ja einen “Player” auf dem Markt, der die scheinbar absolute Informationsdiversität ausstrahlt: Wikipedia.
Wir reden heute davon, dass wir dank dem Internet an unendlich viele Informationen kommen, die uns früher verborgen blieben. Die meisten Menschen denken dann sofort an Wikipedia. Ein kostenloses Lexikon von sehr hoher Qualität, das das Internet definitiv, neben Google, mit am meisten verändert hat.
Egal, welche Frage man hat, Wikipedia scheint eine Antwort zu haben. Doch im Grunde ist Wikipedia auch nur ein Lexikon. Zwar bietet es eine gigantische Fülle an Grundinformationen, doch wer wirklich Erfahrungen und sehr spezifische Informationen benötigt, wird dort vergebens danach suchen.
Wenn ich als “Fachidiot” wissen möchte, warum meine Koralle Seriatopera caliendrum trotz ausgezeichneter Werte abstirbt, empfindlichere Korallen im selben Aquarium jedoch nicht, dann finde ich dazu keine Informationen. Ich brauche Hilfe.
Die stille Aushöhlung genau dieser spezifischen Seite des Internets, die damals so präsent war, ist ein riesiges Problem, über das niemand spricht.
Suche ich beispielsweise heute nach Haltungsinformationen zu einem speziellen Fisch, finde ich immer die selben Seiten. Wikipedia, Fishbase (auch eine Art Lexikon), zwei übrig gebliebene Foren, die kaum mehr Aktivität aufweisen, eine Menge kommerzieller Händler, noch mehr Händler und eine halbwegs brauchbare, allgemeine Aquaristikseite, die rudimentäre Informationen zu der Art liefert, aber nie konkrete Fragen beantworten kann.
Früher hätte ich Foren, Privatseiten, einen Händler und weitere Aquaristikseiten gefunden.
Vor allem aber hätte ich die Möglichkeit gehabt, mich konkret an der Informationsbeschaffung zu beteiligen. Mit meiner eigenen Stimme. Weil es Foren gegeben hätte, wo die Menschen aktiv gewesen sind, die in ihrer Freizeit und ohne kommerzielle Absichten diese Privatseiten erstellt haben. Ich hätte mich mit ihnen in einem Forum austauschen können, oder aber womöglich dort sowieso genug spezialisierte Fragen gefunden, die meine bereits beantworten hätten können.
Das fehlt. Es fehlt enorm.
Auf mich wirkt das Internet immer kleiner. Immer weniger divers und eine Weiterentwicklung, was die Informationsdichte angeht, sehe ich nicht. Im Gegenteil – es ist eine Rückabwicklung, die wir in den letzten 10 Jahren gesehen haben.
Kommunikation findet nur noch oberflächlich auf Twitter & Co statt, wo nicht einmal mehr genügend Zeichen vorhanden sind, um einen freundlichen Text zu verfassen. Die letzten aktiven Facebook Gruppen bieten Bulimie Wissen an, das nach einem Jahr sowieso in den Tiefen der Seite verschwindet, weshalb es sich kaum lohnt, sich Mühe bei seinen Antworten zu geben.
Darüber hinaus findet diese Information sowieso niemand mehr, da die Zahl der Facebook Nutzer kontinuierlich sinkt und alle Informationen dort hinter einem Login verborgen sind, im Gegensatz zu öffentlich nachlesbaren Beiträgen in Foren.

Was hat das also alles zu bedeuten?

Ich bin mit Foren aufgewachsen. Ich bin mit dem Internet groß geworden und habe seine Entwicklung intensiv erlebt. Ich habe das Schreiben von Texten durch ständige Aktivität in Foren gelernt.
Für mich persönlich ist es rückblickend eine informelle Dystopie, zu der sich unser Internet entwickelt hat.
Ich würde jeden heute dazu ermuntern Foren wiederzubeleben, ja ich würde sogar meine Kenntnisse als Hilfe dafür anbieten. Egal für welches Thema. Ich möchte, dass wir wieder online Menschen vereinen können, die über ein Thema konstruktiv und fachbezogen streiten können. Leute, die Koryphäen auf ihrem Gebiet sind und ihre Erfahrungen in Foren, die aktiv sind, weitergeben können.
Aber das wird nicht passieren. Es fühlt sich so an, als bräuchten wir ein Revival der 00er Jahre, aber keine der derzeitigen Entwicklungen macht den Anschein, dass es in diese Richtung gehen wird.
Wenn am Ende kein Interesse bei den Internetnutzern vorhanden ist, obwohl wir um ein vielfaches mehr Menschen mit Internet hätten, als es noch in den 00er Jahren der Fall gewesen ist, dann wäre es in den Augen vieler vergeudete Zeit, sich am Wiederaufbau von Foren zu beteiligen.
Doch möchte ich diese Hoffnung einfach nicht aufgeben.
Die Hoffnung, dass das Internet irgendwann wieder so gut wird, wie es einmal war