Wozu Arten retten?

Einer der größten Abgründe zwischen Tierschützern/Tierrechtlern und Tierhaltern tut sich auf, wenn es um das Thema der Arterhaltung geht.
Und dies liegt am grundverschiedenen Verständnis des Tierschutzes, wobei beide Seite gute Argumente aufbringen können.
Eine theoretische Betrachtung von Zoos, Homo sapiens und dem Grund, weshalb auch Tierrechtler Arten retten müssen.

Die Fraktion der Tierrechtler / Tierschützer, die sich gegen die Haltung von Tieren in Zoos und Tieren in Gefangenschaftsverhältnissen stellt, rechtfertigt ihr Handeln mit dem Argument Tierleid verhindern zu wollen. Es geht ihr also um individuelles Leid, welches einem Individuum zugefügt wird.
Dabei geht es nicht darum, um welches Tier es sich handelt. Die Zugehörigkeit zu einer Art ist vakant, das ist ein Merkmal des Antispeziesismus. Es schwinden die artspezifischen Unterschiede, die der moderne Mensch mit menschlicher Wissenschaft erforscht hat. (siehe demnächst Artikel zu den „Tierrechten)

An sich ist dies eine sinnvolle Sichtweise auf das Leben.
Jedes Lebewesen ist gleich und sollte nicht sinnlos getötet werden müssen. Auch wenn Tierrechtler hierbei Pflanzen faktisch ausklammern und die Gleichberechtigung auf die Tierwelt beschränken (müssen).
Das macht alleine das Gesetz der Nahrungskette notwendig. Eine Erkenntnis, die der Wissenschaft entspringt, welche wiederum vom Menschen geschaffen wurde.
Es zeigt sich hier eine erste fragwürdige Methode: Wieso missachtet man als Tierrechtler biologische Erkenntisse, wenn man sich andererseits auch auf jene berufen (muss)? Man selektiert einfach nach dem, was in die eigene Ideologie passt.
Und diese Ideologie sieht eben die Verhinderung des individuellen Tierleids als größt mögliches Ziel vor.

Damit lässt sich rein objektiv nun zumindest erklären, warum Tierrechtler ein Verbot von Zoos fordern:
Es gibt Zoos, in denen Tiere fragwürdig gehalten werden. Man darf sich beispielsweise selbst fragen, ob es sinnvoll ist Tiere, die aus polaren Breitenkreisen stammen dauerhaft dem Klima der gemäßigten Breiten auszusetzen?
Oder ob bei dem ein oder anderen Zoo die Gehegegröße wirklich in Ordnung ist.
Oder ob Delfine in einem überdimensionalen Swimming-Pool, oft als Publikumsmagnet und -unterhalter, wirklich für eine artgerechte Haltung in Gefangenschaft geeignet sind?
Das sind durchaus strittige Punkte. Für Tierrechtler ist der Fall jedoch klar: Das ist Tierquälerei und gehört verboten.
Und zwar, weil individuelles Tierleid für das Gesamtprodukt „Zoo“ in Kauf genommen wird . Der Tierrechtler sieht in einem Zoo eine fragwürdige Haltung oder hört von einem fragwürdigen Vorfall und sieht somit rein objektiv das Leid eines Individuums, verursacht durch die Haltung in Gefangenschaft.
Er plädiert folglich dafür, diese Haltung gänzlich abzuschaffen, um Tierleid in Zukunft zu verhindern.
Ich hoffe, dass Sie bis hierhin folgen konnten, denn nun haben Sie sich in das Denkmuster eines Tierrechtlers begeben. Herzlichen Glückwunsch! Ein Tässchen Kuchen gefällig?

 

Nun aber betrachten wir das ganze einmal realistisch.
Wenn Sie das Leid eines Tieres in einem Zoo wahrnehmen, dann nehmen Sie vor allem das Leid dieses Tieres wahr. Nicht mehr und nicht weniger.
Als Tierrechtler plädieren Sie für die Freilassung dieser scheinbaren Gefangenen. Und ein in die Natur entlassenes Tier ist: „Aus den Augen aus dem Sinn“.
Dabei ist die Natur brutal. Viel brutaler, als jeder Zoo es je sein wird.
Das sollten Sie aber kennen. Aus Tierdokumentationen…
In diesem Video ( http://youtu.be/wS1rU5SAskU?t=1m29s ) z.B. sehen Sie (wenn Sie es ertragen) ein Rudel Löwen, wie es langsam ein Nilpferd zerlegt. Das ganze dauert ziemlich lange und die Schmerzen müssen enorm für das Opfer gewesen sein.
Es handelt sich hierbei um ein extrem großes individuelles Tierleid, verursacht durch ein anderes Tier.
Und wie Sie als aufmerksamer Dokufreund wissen, ist ein solches Tierleid in der Natur ohne menschlichen Einfluss alltäglich zu finden.
Aua , uiii , oder oh Gott .
Das sind alles sehr brutale und lange, quälende Aufnahmen von Raubtieren, die ohne menschliches Zutun enormes Tierleid verursachen, so wie es kein Tierhalter und kein Zoo jemals selbst tun wollen würde. Denn das ist nicht die Intention.
Lustigerweise gibt es zu solchen Videos auf Youtube oft negative Reaktion, ja manchmal sogar „Shitstorms gegen den Jäger“.  Auf einer solch lächerlichen Ebene der Naturentfremdung befinden wir uns im digitalen Zeitalter also mittlerweile.

Halten wir fest: In der menschenleeren Natur gibt es brutale und nicht selten mit großem Leid verbundene Tötungen.
Und in einem Zoo?
Da werden Tiere gerne schon einmal um ein vielfaches älter, als in der Natur. Und das ist die Regel.
Denn Tiere in einem Zoo haben keinerlei Fressfeinde mehr vor denen sie sich in Acht nehmen müssen. Der Mensch sorgt dafür, dass ihr Leben möglichst angenehm und lang ist. Dabei ist es sicherlich immer wieder der Fall, dass es Missstände in Zoos gibt, die aufgedeckt werden müssen und Konsequenzen haben müssen. So etwas können auch Tierschützer übernehmen, denn das sollte ihre Daseinsberechtigung darstellen.

Sie merken, ich rede ein wenig am eigentlichen Thema vorbei und das war die „Arterhaltung“.
Aber um ihre Rechtfertigung zu verstehen, muss man nicht nur die Argumentation der Tierrechtler verstehen, man muss auch eine gewisse Sichtweise auf Mensch und Natur haben.
Nun ist Ihnen klar, dass das Leben eines Tieres per se nicht schlechter in einem Zoo sein muss. Wir nehmen die Vermenschlichung des „Freiheitsgedanken“ mal ganz außen vor, da dieser im Artikel der „Tierrechten“ behandelt werden wird. Wir beschränken uns auf das Hauptargument von Tierrechtlern: Dem Tierleid.
Wir setzen nun das Tierleid, welchem Tiere in der Natur ausgesetzt sein können dem gegenüber, welches ihnen in der Gefangenschaft widerfahren kann. Und das ist deutlich geringer. Das zeigen nicht nur die höheren Lebenserwartungen von Tieren in Gefangenschaft. Es ist auch eine logische Konsequenz, wenn wir uns das ungeschützte Leben eines Tieres in der Natur betrachten.

Diese reale Natur aber betrachten Tierrechtler nicht, wenn sie sich Zoos vorknüpfen.
Dabei sehen Sie den Zoo lediglich als Unterhaltungsmaschine und vergleichen ihn mit einem Zirkus, bei denen die Tiere gehalten werden, um alleine menschliche Bedürfnisse zu erfüllen, nämlich die der Unterhaltung. Aber ein Zoo ist kein Zirkus.
Ein Zoo muss sich durch Publikumsverkehr leider ebenso finanzieren, weil staatliche Unterstützung für die aufwendige Haltung vieler Tiere nicht ausreichen würde. Und von Elefant, Tiger und Co, die am meisten Besucher in einen Zoo locken, profitieren jene Arten, die ein Zoo hält, um ihre Art zu erhalten.

Durch eine Vielzahl von Tieren, die eigentlich nicht bedroht sind, aber oft für die größten Kontroversen sorgen, macht sich ein Zoo erst profitabel. Den Profit können die Arten einfahren, die kaum bekannt sind und für die nie jemand den Zoo besuchen würde. Eine gewissen Bindung an das Publikum ist hier nicht wie bei einem Zirkus ein einseitiges, menschliches Verlangen.
In Zoos geht es viel mehr darum die Natur dem Menschen näher zu bringen. Das schafft, wie wir anhand der Entfremdung von Realität und Ideologie gesehen haben, eine Tierdokumention anscheinend nicht. Nein, sie tut es definitiv nicht. Schauen Sie sich einfach mal die Kommentare dazu auf Youtube an.
Ein Zoo kann ganz direkt dafür sorgen eine engere, anschauliche Bindung zwischen Mensch und Tier herzustellen und gerade auch Kinder ansprechen. Dies wird vielfach von Tierrechtlern missdeutet, in dem sie einfach den Spieß umdrehen und behaupten, dass das eigentliche Mittel zum Zweck der Zweck selbst sei.

Das Bemühen der Zoos Arten zu erhalten wird darüber hinaus von vielen Tierrechtlern auch nicht für bare Münze genommen, nein es wird behauptet, dies sei bloß ein Vorwand.
Dabei gibt es unzählige Beispiele dafür, dass ein Zoo einen wichtigen ökologischen Beitrag leisten kann.
Ein paar Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit…
http://www.zoovienna.at/news/grosser-erfolg-batagur-weibchen-gefunden/
https://www.facebook.com/Weltvogelpark/posts/837291286323838
http://www.nordbayern.de/region/nuernberg/tiergarten-delfinbaby-ist-noch-nicht-uber-den-berg-1.3982995
http://www.edinburghzoo.org.uk/animals-attractions/animals/blue-crowned-laughingthrush/

Der hartnäckige, weniger offensichtliche Kern ist jedoch nun die Frage nach Sinn und Zweck der Arterhaltung.
Warum sollten wir überhaupt eine Art in Gefangenschaft erhalten?

Mit den voran gegangenen Punkten wollte ich Ihnen bereits näher bringen, dass das Argument „Tierleid in Kauf zu nehmen“ für eine Arterhaltung bereits falsch ist und eine verallgemeinernde Behauptung der Tierrechtler darstellt, um ihren Standpunkt irgendwie verteidigen zu können.
Es ist nicht notwendig Tierleid in Kauf zu nehmen, um eine Art zu erhalten.

Doch, wenn der Lebensraum von Art XYZ bereits zerstört ist, wieso sollte ich sie dann in Gefangenschaft erhalten?
Erst einmal ist es eine Investition in die Zukunft. Wir wissen nicht, wie sich unsere menschliche Einflussnahme im Laufe der Jahrzehnte verändern wird. Das Artensterben hat in den letzten Jahrzehnten mit dem Aufkommen der Industrialisierung weltweit rapide zugenommen. Es ist also definitiv vom Menschen (mit)gemacht.
Eine Art, deren Verschwinden wir alle als Mensch also verschulden, können wir retten. Immerhin waren wir die, die vermutlich für ihre Bedrohung verantwortlich waren. Nun liegt es auch an uns diese Fehler der Vergangenheit zu korrigieren, bevor es zu spät ist. Eine Art, die in artgerechten Bedingungen in Gefangenschaft weiter existiert, kann in naher Zukunft möglicherweise wieder in die Natur entlassen werden.

Nun aber wird es knifflig: Stellen Sie sich vor, dass sie als veganer Tierrechtler das zwar alles mehr oder minder ebenso finden und dem Menschen die Schuld am Verschwinden von Tierarten geben, sie aber den Freiheitsentzug und das individuelle Leid immer noch für so wichtig halten, als dass es nicht rechtfertigen würde, dass der Mensch einzelne Arten erhält, aber keinen Blick auf das Individuum legt.
Sie schätzen Bemühungen Tiere in der Natur zu erhalten, indem Sie ihren Lebensraum schützen wollen, aber sind nicht damit einverstanden, wenn diese Tiere aus der Natur entnommen werden und für ein menschliches Schuldgefühl in einer künstlichen Umgebung für eine Reproduktion sorgen sollen. Für Sie zählt schließlich auch nach all der möglicherweise positiven Haltung in einem Zoo das Leid, dass einem Individuum in Gefangenschaft zustoßen kann und ihm ohne menschlichen Einfluss in der Natur nicht passiert wäre.

Abgesehen davon, dass meiner Ansicht nach dieser Gedanke bereits durch den direkten Vergleich zwischen der natürlichen Gefahrenabschätzung und derer in Gefangenschaft, egalisiert wäre, kann ich Ihnen als Vegetarier sagen, warum „Leid“ nicht nur „Leid“ ist, dass wir visuell & individuell erfassen können.
Vegetarier bin ich zum Beispiel aus dem Grund, weil ich als Individuum der Art Homo sapiens darüber nachdenken/reflektieren kann auf Fleisch zu verzichten. Das kann kein anderes Tier.
Jedes andere Tier benötigt für sein eigenes Überleben die Nahrung, die es im Laufe der Evolution „lernte“ zu fressen. Auch Homo sapiens tat das und wenn ich als H. sapiens nicht in einem Wohlstandland leben würde, sondern in einer Hütte fern ab der Zivilisation, dann würde jegliche Rechtfertigung für den Vegetarismus entfallen. Denn es geht nicht darum biologische Fakten zu leugnen, wie den Fleischkonsum des Menschen der letzten Jahrtausende, nein, es geht um etwas, dass uns von allen anderen Arten unterscheidet. Das ist die Fähigkeit zur Empathie.

Genau damit „arbeiten“ aber Tierrechtler, in dem sie andere Arten für ebenso wichtig erachten, wie ihre eigene. Im Tierreich kommen derartige Verhältnisse höchstens zwischen Symbionten vor, doch entsteht immer ein beidseitiger Nutzen aus einer Symbiose.
Wenn der Mensch Empathie für andere Arten zeigt, um sie von Leid fern zu halten, dann handelt er nicht als Symbiont. Er handelt selbstlos, weil er sein Gewissen, sein Denkvermögen, seine menschlichen Gefühle benutzt. Dazu ist in dieser Form kein anderes Tier in der Lage. Und weil der Mensch zu diesem Empathie empfinden in der Lage ist, kann er dieses parallel zum Fressverhalten anderer Arten einsetzen, um auf etwas zu verzichten, auf das er nicht mehr angewiesen ist. Im Prinzip: Einfach weil er es kann und die Natur/Evolution es in ihm hervorbringen konnte.
Dieses Denkmuster entfällt jedoch in Extremsituationen, in denen auch der Mensch wieder für sein eigenes Überleben auf das Töten angewiesen ist. Doch kann er als zivilisierter Mensch darauf verzichten, weil er darüber hinaus reflektieren kann. Die Natur gab ihm diese Fähigkeit.
Aber ich möchte hier nicht meine Begründung für Vegetarismus liefern, denn die folgt in Zukunft ausführlicher auch auf der zweiten Sonderseite. Nein, viel mehr zeigt diese Rechtfertigung des Vegetarismus auch, warum ein Tierrechtler als Veganer sich ebenso der Arterhaltung widmen sollte.
Er reflektiert wie oben beschrieben das Tierleid und zeigt Empathie für einen individuellen Fall. Doch ist es mir, so wie ich hier sitze und schreibe, ebenso möglich Handlungen, die ich als Mensch mitverursacht habe, rückgängig zu machen. Diese Handlung war die Lebensraumzerstörung und das damit verbundene Aussterben von Arten, die ohne mein Zutun vielleicht erst in tausenden von Jahren ausgestorben wären.
Ich als H. sapiens kann darüber reflektieren, was ich diesem Planeten für Schäden hinzugefügt habe. Ich kann Lösungen finden. Und ich kann sie anwenden, um ökologische Schäden rückgängig zu machen und dabei auf individuelles Leid verzichten. Leid ist nicht nur auf das Individuum bezogen, denn auch die Biodiversität leidet unter H. sapiens. Wenn auch deutlich abstrakter, doch die Schäden sind ebenso vorhanden und können auch nur von einem wieder rückgängig gemacht werden.
Vom Neozoon Homo sapiens.

 

 

 

Beitragsbild:
Roelant Savery [Public domain], via Wikimedia Commons

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