Die sinnloseste Statistik der Welt.

Statistiken sind ein zweischneidiges Schwert. Erlauben sie, oberflächlich gesehen, scheinbar objektive Eindrücke in eine Thematik, werden sie jedoch sehr oft inflationär eingesetzt und nicht selten auch falsch. Dabei gibt es eine Zahl, die mir immer wieder negativ auffällt und zur Realitätsverzerrung führt: Das Durchschnittseinkommen.Aus meiner Perspektive ist das sogenannte “Durchschnittseinkommen” in der Tat die am häufigsten, falsch genutzte Statistik, die es gibt. Das wird in Zeiten der derzeitigen Krise und Inflation gerade besonders deutlich. Politiker, Medien und selbst Akademiker nutzen ein statistisch erhobenes “Durchschnittseinkommen”, um ihre Talking Points auszuführen und merken dabei nicht, dass sie diese damit zeitgleich auch delegitimieren.
Erst heute wieder, habe ich das Wort “Durchschnittseinkommen” bei Anne Will vernommen und mir, wie so oft, an den Kopf gefasst.
Eingesetzt wird das Durchschnittseinkommen bei allerlei Argumentationen. Vorrangig dabei, wie viel Geld ein deutscher Haushalt denn nun im Durchschnitt zur Verfügung habe. Man nimmt es, um zeigen zu wollen, dass wir ein reiches Land seien und am Ende des Tages gut verdienen.
Dabei könnte die Kluft zwischen Realität und Statistik nicht größer ausfallen.

Nehmen wir ein ganz simples Rechenbeispiel:
Wir nehmen 100 Menschen. Diese 100 Menschen bewohnen eine Stadt.
70 von ihnen haben ein Durchschnittseinkommen von 2000€ Brutto und sind damit offiziell unter der Armutsgrenze.
15 von ihnen verdienen gut mit 3500€ Brutto.
10 von ihnen verdienen sehr gut mit 6000€ Brutto
4 von ihnen sind sehr reich mit monatlich 8000€ zur Verfügung.
Einer von ihnen ist ein Reicher mit 80000€ .

Was würden Sie über diese Stadt sagen, wenn 70% ihrer Einwohner mit 2000€ Brutto im Monat nach Hause gehen und damit einen Lohn haben, der bei der derzeitigen Inflation komplett aufgefressen wird? Sie würden denken, dass diese Stadt sehr arm ist. Aber vor allem: Dass ihre Menschen arm sind und es ihnen nicht gut geht.
Nutzen Sie nun, wie viele, das Durchschnittseinkommen dieser Stadt, kommen Sie auf einen monatlichen Durchschnittslohn von 3645€ .
Dies entspricht ungefähr dem Durchschnittslohn der Menschen in Nordrhein-Westfalen.
15 % Gutverdiener und ein sehr wohlhabender Mensch reichen aus, um die Statistik so zu verzerren, dass sie die gelebte Realität in dieser Stadt in keinster Weise mehr wiedergegeben werden kann.
Die Stadt wirkt im internationalen Vergleich “wohlhabend”, denn die Menschen bekommen im Durchschnitt ja ganze 3645€ . Dass 70% der Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben und auch prozentual den Löwenanteil ausmachen, blendet das Durchschnittseinkommen völlig aus. Sie sehen, worauf ich hinaus möchte:
Das Durchschnittseinkommen dient in keinster Weise dazu, qualifizierte Aussagen über individuellen Wohlstand zu machen.
Halten Sie meine Zahlen für unrealistisch? Dann halten Sie sich fest:

45 Deutsche besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung.
(Quelle: https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/vermoegen-45-superreiche-besitzen-so-viel-wie-die-halbe-deutsche-bevoelkerung-a-1189111.html )

45 Menschen besitzen so viel Geld, wie die anderen 83 Millionen.
Was da am Ende für ein statistischer Wohlstand bei herum kommt… na, das können Sie nun erahnen.

Natürlich sind Reichtum und Arbeitnehmerlohn noch einmal zwei unterschiedliche Statistiken, so sei es hier angemerkt, doch auch hier klaffen so große Lücken, die es lächerlich machen würden eine Statistik, wie das Durchschnittseinkommen, irgendwie für die eigene Position zu nutzen, es sei denn, man profitiert davon, dass alles so bleibt, wie es ist. 😉 Nicht zu vergessen sind natürlich auch arme Rentner oder Arbeitslose, die über kein Lohneinkommen verfügen und daher gar nicht mehr in der Statistik auftauchen.

Dennoch gibt es eine Anwendungsmöglichkeit des Durchschnittseinkommen, die ein bestimmtes Argument statistisch untermauern kann.
Das ist der Reichtum des gesamten Staates an sich. Hohe Löhne und großer, individueller Reichtum, führen auch zu höheren Steuereinnahmen. Von denen haben jedoch auch die 70 Menschen in unserem fiktiven Beispiel erst einmal nichts, wenn diese Steuern am Ende für Dinge aufgewendet werden, von denen sie nicht profitieren können.

Um eine Statistik zu nutzen, die die Realität auch wirklich abbildet, ist es also notwendig die absoluten Zahlen der Geringverdiener zu erfassen und dann in Relation zu setzen. Sprich:
70% der Menschen aus unserem Beispiel haben weniger als 2000€ Brutto zur Verfügung.
30% der Menschen wiederum mehr als 3500€ .
Diese Zahlen sehen in der Realität natürlich noch ein wenig anders aus. So ist die Gruppe der Menschen mit einem Einkommen unter 2000€ erheblich kleiner, die absolute Zahl der Superreichen erheblich höher.
Am Ende bleibt jedoch nur eines festzuhalten: Durchschnittseinkommen sind für das Leben völlig irrelevant. Ihre Höhe ist nur interessant für die Bewertung eines ganzen Staates oder für jene, die die enorm gewachsene Schere zwischen Arm und Reich leugnen wollen, in dem sie diese, sinnloseste Statistik der Welt, als Argument für ihre Ideologie nehmen.

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