Die Zerreißprobe.

In Deutschland spitzt sich eine gesellschaftliche Diskrepanz so sehr zu, dass es vermutlich keinen adäquaten Vergleich dazu in der bisherigen Nachkriegsgeschichte gibt.
Die Diskussion um die “Flüchtlingsfrage” erschüttert die Gesellschaft von unten bis nach oben – jeder hat seine Meinung zu diesem Thema, wobei beide Meinungspole sich so sehr abstoßen wie Sarrazin und Rhetorik.
Eine alternative Analyse.

Die Gesellschaft in Deutschland steht vor einer harten Zerreißprobe. Das Thema “Flüchtlinge” und die Frage, wie viel Empathie diesen Menschen zusteht, spaltet die Gesellschaft –
Wenn der langjährige Freund merkt, dass sein Bekannter eine patriotisch, recht-winklige oder rassistische Einstellung hat und es zu Konflikten kommt. Gar zu Freundschaftskündigungen auf Facebook . Gut geglaubte Freunde werden plötzlich abgestoßen, in die eine oder andere Richtung.

Dabei liegt die Waage zwischen “Kritik”, “Besorgnis” und “Menschlichkeit” auf einer sehr schmalen Spitze und droht schnell zu kippen in der Wahrnehmung derer, die ihre Bekanntschaft nach all den Jahren nun neu bewerten wollen.
Sie können sich sicherlich vorstellen, wenn Sie etwas über mich auf dieser Seite gelesen haben sollten, dass ich kein “Asylkritiker” bin und weiß Gott niemand, der andere Menschen als Gutmensch tituliert. Meine persönliche Meinung zu diesem Thema dürfte nicht nur aufgrund meiner Parteimitgliedschaft geklärt sein.

( Auch wenn es leider tatsächlich Rassismus und besonders Antisemitismus, in den Reihen linker Ideologen gibt … )

Ich bemerke, dass auch ich mich in einem Umfeld bewege, in dem viele rassistische Meinungen und Ansichten existieren.
Das war vermutlich schon immer so, doch die Flüchtlingsfrage öffnet die angeblich dagewesenen “Meinungsschlösser” für jedermann. So sind jene, die vielleicht in der Vergangenheit lediglich vor dem “türkischen Gebrauchtwagenhändler” gewarnt haben, mittlerweile immer klarer in ihrer Meinung, die auf einer rassistischen Grundlage fußt.
Durch die großen Anstrengungen für die Flüchtlinge, traut sich ein jeder, der mit dieser Grundhaltung im verborgenen lebte, auch immer öfter und direkter Stellung zu beziehen. Und man weiß es ja; Wenn einer mal damit anfängt, tut die Gruppendynamik ihren Rest und lässt ihre, im verborgenen gehaltene Meinung, plötzlich gesellschaftsfähig werden. Wo eine Meinungsgruppe existiert, gesellen sich schnell mehr Anhänger hinzu. Bis diese intern bemerkt, dass sie möglicherweise in anderen Bereichen des Lebens zu differenzierter Meinung sind und sich wieder spalten… Liebe Grüße an die AfD! 😉

Viel ist also in Bewegung, wenn es in Sachen Bekanntenkreis und Selektion von “Gut- und Wutbürgern” geht. Die Praxis derer, die sich zu den “Gutmenschen” zählen oder aber dieses rechte Vokabular nicht mit einem Augenzwinkern assimiliert haben und lediglich pro Asyl sind, ist es rassistische Freunde zu ignorieren oder in sozialen Netzwerken zu selektieren. Jene, die sich “Asylkritiker” nennen und Meinungen in dieser Hinsicht in irgend einer Form unterstützen gelten als Rassisten und werden entfreundet.
Ja, (S)sie mögen Rassisten sein. Doch wissen (S)sie es überhaupt? Und wie negativ und böswillig ist (I)ihre Intention wirklich?

Aber was ist überhaupt “Rassismus” ?

Ein Rassist ist man, alleine schon durch die Definition des Wortes, viel schneller, als einem bewusst ist.
Wer als “Rassist” gilt, der differenziert schon aufgrund des Wortursprunges, in Rassen. Dabei ist kein moderner, gemäßigter Rassist so extrovertiert, als dass er Türken, Araber oder Deutsche als “Rasse” bezeichnen würde. Alleine aufgrund der Vergangenheit Deutschlands ist es zu einem Unwort geworden, welches gesellschaftlich völlig inakzeptabel ist. Deswegen ist “Rassist” auch für einen Deutschen eine sehr harte Wertung, die er zumeist von sich weist.
Dabei sind sich die meisten Menschen nicht bewusst, dass sie als Rassist agieren. Man muss es nicht explizit “Rasse” nennen, wenn man willkürlich zwischen geografischen Fundortvarianten ( um biologisch zu bleiben ) des Homo sapiens oder kulturell historisch entstandenen Aspekten ( z.B. Religion ) differenziert.
Wer nun per se zwischen “Wirtschaftsflüchtlingen” aus dem Balkan und “Kriegsflüchtlingen” aus dem Nahen Osten unterscheidet, unterstellt einer Bevölkerungsgruppe bereits eine Handlung. Eine Unterstellung gegenüber einer Ethnie oder einer bestimmten Volksgruppe, die man quasi a priori vorhanden sieht, ist Rassismus.
Rassismus heißt nicht nur den türkischen Autohändler generell für abgebrühter zu halten und dies mit Zahlen zu belegen, nein, vielfach werden auch positive Eigenschaften bestimmten Ethnien zugeschrieben, was ebenso rassistisch ist.
Nette Menschen sagten zu mir “Thailänder sind so offen und freundlich!”. Das mag ohne Vorbehalt der Person gesagt worden sein, das mag sogar auf besonders viele Thailänder zutreffen, ist de facto aber Rassismus.

Rassismus ist deutlich negativer durch die Vergangenheit behaftet, als es nötig wäre. Niemand würde einer netten alten Dame, die über die Offenherzigkeit einer Bevölkerungsgruppe sprechen würde, Rassismus vorwerfen. Im Gegenteil: Man würde sie auf Facebook mit einem Video gedenken und arabische Mitbürger würden ihr besondere Ehre zusprechen.
Haben Sie es gemerkt? Das war eine rassistische Annahme meinerseits. Ich bin Rassist. Wie fast jeder von uns.
Denn die meisten Menschen nutzen Eigenschaften, die einer Gruppe zugeordnet werden, immer für die gesamte Gruppe. Wenn die Mehrheit einer Bevölkerungsgruppe bestimmte Dinge tut, dann projeziert man in einem einfachen Alltagsgespräch diese Handlung automatisch auf die Gesamtheit der Gruppe.
Das Problem ist: Man sieht Menschen nicht mehr als Individuum, man steckt sie in Rassen, in Gruppen oder Schichten und urteilt pauschal über jeden, der ein ungewollter und nicht selbst verschuldeter Teil dieser Gruppe ist.
Es gilt das Mehrheitsprinzip – und das bezogen auf Menschen einer bestimmten Herkunft oder eines bestimmten Glaubens ist Rassismus. Egal, ob negativ oder positiv, der Rassismus an sich ist eine wertneutrale Kategorie, die aufgrund des Grauens, den Menschen unter dieser verbeitet haben, sehr negativ besetzt ist.
Mein Beispiel vom arabischen “Ehrgefühl” soll zeigen, dass wir alle sehr schnell zum Rassisten werden können. Das ist auch nicht weiter schlimm. Möglicherweise bedient es auch urmenschliche Reflexe, aber mittlerweile befinden wir uns im 21. Jahrhundert und unsere soziokulturelle Realität hat sich stark gewandelt.

Wenn man den Rassismus auch nie gänzlich ablegen können wird, so sollte man ein Bewusstsein dafür entwickeln, was sein Gegenpol ist: Das Individuum. Und in diesem Falle Artgenossen von Homo sapiens.
Egal, woher eine Bevölkerungsgruppe kommen mag, es bleibt ein Mensch, der eine persönliche Entwicklung durchgemacht hat und sich nicht von einem anderen Menschen in seiner Veranlagung unterscheidet.

Dies ist beispielsweise der Punkt an dem rechte Rassisten wie Sarrazin wissenschaftlich versagt haben. Menschen wie Sarrazin, haben möglicherweise mit den Zahlen recht, mit denen sie hantieren, doch deuten sie sie auf absurde Art.
Es wird verallgemeinert ( s.o. ) und das Individuum geht verloren. Es werden Schlussfolgerungen gezogen, die sozialwissenschaftliche und soziologische Aspekte unberücksichtigt lassen.

Es gilt daher das Bewusstsein für das Individuum zu stärken und davon gibt es in einer Gruppe von 100 Menschen 100 Stück. Wenn die Mehrheit von 60 Personen aus dieser Gruppe ein bestimmtes Attribut teilt, werden bereits 40 Menschen ohne Selbstverschulden ihrer Persönlichkeit und Individualität beraubt.
Darum sind generelle Einteilungen in Wirtschafts- und Kriegsflüchtlinge schlecht – sie sind vermeidbarer Rassismus.
Die Organisation proAsyl z.B. zeigt diese gesellschaftliche Problematik ganz gut in ihrem Subtext auf:
“Der Einzelfall (das Individuum) zählt.”

Niemand kann sich einfach so davon befreien, noch nie rassistisch gedacht zu haben, was die vorherigen Beispiele deutlich gemacht haben sollten. Das ist auch nicht weiter schlimm, wenn man sich selbst reflektiert und versucht Empathie gegenüber den 40 Leuten zu empfinden, die man vorab pauschalisiert, ohne sie und ihre individuelle Geschichte zu kennen.

Wie also nun mit Menschen umgehen, die bewusst oder unbewusst wirklich braune Ideologien vertreten?

Meine gängige Praxis ist es nicht, Menschen deren Weltanschauung mir zuwider ist, zu verabschieden, sondern ihnen insbesondere in sozialen Netzwerken so lange Realitäten fernab ihrer Ansicht , vor die Nase zu halten, bis sie sich von selbst verabschieden oder es ihnen wieder unangenehm wird, Rassismus öffentlich zu zeigen. Ein unsichtbarer Rassismus, der lediglich ab und an rumnervt, dass seine Meinung unterdrückt werden würde, ist einer, der deutlich weniger gefährlich ist.
Würde ich es so handhaben und alle Menschen, deren Meinung in der Asylfrage mir nicht passt, verabschieden, dann stünde ich irgendwann leider, bei einer konsequenten Vorgehensweise, relativ einsam da.
Das zeigt bereits, auf welch schmalen Pfad sich die Gesellschaft in Deutschland gerade bewegt.
So geht es vermutlich der Hälfte der Bevölkerung dieses Landes. Sie droht zu zerreißen. Es reißen Gräben auf, die für die Zukunft großes Zündpotenzial darstellen könnten. Das ist sehr, sehr gefährlich.
In einem Deutschland, dass eine faschistische Diktatur an die Macht brachte und in dem 70 Jahre später immer noch sehr große rechtsradikale Tendenzen zu sehen sind, einschlägige Straftaten gar zunehmen und die Stimmung gegenüber Fremden aufgeheizt ist, gilt es mit Vorsicht zu agieren. Ein reines Ignorieren, Entfreunden und Flüchtlingen demonstrativ mehr Zuspruch geben, reicht nicht.
Eine Meldung über kostenlose Fahrscheine für Flüchtlinge kippt Öl in das Feuer des neuen deutschen Rassismus. Es stellen sich natürlich Menschen, insbesondere aus der unteren Mittelschicht und darunter die Frage, warum auch sie keine deutlichen finanziellen Erleichterungen spüren können. Für diese Menschen wird es schwieriger Empathie für Menschen zu entwickeln, die sie nicht kennen.
Ob es ihnen an Bildung oder Wissen fehlt, möglicherweise kennen sie nur die medial und politisch ungleich häufiger verbreiteten Bilder vom IS, Al Kaida oder gar die ständige Wirtschaftsflüchtlingshetze des Springer Verlags [1] , [2] .
Menschen in Deutschland werden immer ärmer, Reichtum ist immer ungerechter verteilt und seit der Jahrtausendwende spitzt sich dieses Problem zu. Es wird für Ärmere immer schwieriger wieder nach oben zu kommen. All das wurde bereits wissenschaftlich untersucht.
Deutschland driftet immer weiter auseinander in ein großes “Arm” und in ein kleines “Reich”. Auch diese Entwicklung vermochte Angela Merkel nie zu stoppen, hat sie ignoriert oder nie verstanden.

Gepaart mit der derzeitigen Flüchtlingssituation, die ebenfalls auch dank deutscher Politik so dramatisch wurde, brodelt der Supervulkan in Deutschland bedrohlich. Das Potenzial für rechte Splitterparteien ( so wie auch die NSDAP eine war ) vervielfacht sich. Sie lässt erste Blüten, wie die AfD sprießen, die im Verhältnis noch gemäßigt ist. Zu gemäßigt für viele, die sich eine rechte Alternative versprochen haben. Diese Menschen splittern die AfD nun auf, ließen rechte Wirrköpfe wie Bernd Lucke ziehen und setzen nun auf ihren Brauner im Stall mit Namen: Frauke.
Das Potenzial rechter Gesinnung in Deutschland ist sicherlich noch nicht erschöpft. Die immer häufiger werdenden Attacken auf Flüchtlingsheime deuten bereits an, dass in Deutschland auch eine “Front Nationale” Platz finden könnte. Oder gar schlimmeres. Denn wer Kriegsflüchtlinge mit Molotowcocktails beschmeißt, nimmt sicherlich auch noch mehr in Kauf.
Die NSDAP wurde vor allem deshalb so stark, da sich in Deutschland die Schmach des Versailler Vertrages und die Wirtschaftskrise die Hand gaben und die Bevölkerung verarmen ließen…
Dies ist der natürliche Nährboden für radikale Parteien. Das selbe Phänomen sehen wir zur Zeit auch in Griechenland, wo es plötzlich eine linke Regierung in Folge stark wachsender Armut an die Macht geschafft hat und eine rechtsradikale Partei massiv an Zuspruch gewonnen hat. Gott sei Dank sind wir in Deutschland sehr weit davon entfernt.
Auch, weil die Vergangenheit Deutschlands gezeigt hat, dass in diesem Land so etwas nie wieder passieren sollte. Die letzten Wochen zeigen jedoch, dass sich ein gewisses Potenzial für rechte Ideologien in Deutschland wohlfühlen kann. Gerade für Deutschland und seine Geschichte ist dies beschämend.

Auch wenn sich Geschichte nicht wiederholt; Sie reimt sich.

Und das muss die deutsche Gesellschaft des 21. Jahrhundert mit klugen Mitteln verhindern.
Wir sehen nun eine enorme Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge, gerade in München, wo syrische Kriegsflüchtlinge mit Beifall begrüßt werden. Das mag aufgrund der Tatsache, dass diese Menschen ihr Leben riskierten, da wir ihnen keine legale Möglichkeit zur Einwanderung bieten, sehr zynisch sein, aber es ist ein positives Zeichen, dass es auch weltweit in die Presse geschafft hat.

Diese Hilfe haben jedoch Bürger geleistet, die sich von der Politik abgekapselt haben, da sie ihr völliges Versagen gespürt haben.  Die Gesellschaft hat aus sich heraus Empathie für Ärmere gezeigt.

Ein Deutschland, dass Rechtsradikalen Paroli bietet und die Leute, die den Zustrom von Flüchtlingen mit Besorgnis verfolgt, ernst nimmt, ohne sie zu diffamieren, sondern das Gespräch sucht und Aufklärung bietet, ist letzten Endes ein Deutschland, auf das man stolz sein darf.
Und zwar stolz darauf, wenn man ein Teil der hiesigen Gesellschaft war, die es schaffte die Radikalen verstummen zu lassen und anderen Menschen half, ohne sie zu diskreditieren…

 

 

 

Beitragsbild:
Screenshot aus “Un chien andalou” von Salvador Dali und Luis Bunuel