Das Comeback der Mauer.

Die PARTEI hat es endlich geschafft: Mit nur einem Sitz im europäischen Parlament (in Gestalt von Martin Sonneborn), ist der beginnende Mauerbau als Erfolg für Die PARTEI zu verbuchen. Zwar liegt die Grenzziehung nun einige hundert Kilometer von der ehemaligen DDR entfernt, aber wer hätte das vor Monaten noch für möglich gehalten? The Mauer is back! (Phonetische Gemeinsamkeit zu “Die Mauer muss weg” – gewollt.)

Die Mauer – vor einigen Jahrzehnten noch eines der prestigeträchtigsten archtitektonischen Meisterwerke Deutschlands, kehrt zurück.
Nein, ich möchte mich nicht an einer Version des Postillons für Arme probieren, es ist wahr: Die Mauer in Europa kehrt zurück, aber mit einem Unterschied:
Dieses mal steht der “Westen” auf der Seite der Maurer.
http://www.sueddeutsche.de/politik/sicherung-von-kilometer-grenze-ukraine-zaeunt-russland-ein-1.2125661
http://www.welt.de/debatte/kommentare/article132158604/Die-Ukraine-tut-gut-daran-ihre-Grenze-zu-sichern.html
Hätte man das damals schon gewusst, ach was hätte man an Ressourcen einsparen können und der Ukraine unter die Arme greifen können mit ausrangierten Teilen der Berliner Mauer. Es wäre doch ein schönes Bild gewesen; Die Berliner Mauer auf Europatour. Das Pflegepersonal hätte man gleich wieder mitnehmen können und muss nun nicht erst neue Fachkräfte anlernen, um eine Grenze vor den Russen zu sichern.
Aber dafür ist es ja jetzt zu spät – Mauer 2.0 wird natürlich ganz individuell und nicht so Mainstream, wie die altbackenen Genossen der DDR es gerne gehabt hätten.
Die Geschichte, wie sie die Süddeutsche schreibt, erinnert ein wenig an Walter Ulbricht

Aber wenn es nach der ukrainischen Regierung geht, soll sich das ändern: “Wir wollen einen echten Schutz”, hat Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk am Mittwoch in Kiew gesagt, und damit konkretisiert, was anfangs als zynischer Witz des Gouverneurs von Dnjepropetrowsk gegolten hatte: Die Ukraine will tatsächlich eine Mauer bauen an der Grenze zu Russland, um sich gegen “unerwünschte Infiltrationen” und den “russischen Aggressor” abzuschotten.

Aber im 21. Jahrhundert sind Zynismus und Sarkasmus trendy und machen Lügen zum Spaß für die ganze Familie, bei der schwierige Tatsachen mit Humor an die Bevölkerung verkauft werden können. Hm… moment mal…!
Warum aber möchte die Ukraine denn nun die altehrwürdige Mauer “zurück” holen?

Denn über die Grenze im Osten sickern seit Monaten russische Söldner und russische Soldaten ein in den Osten des Landes. […] Die Idee dahinter ist langfristiger Natur. Russland ist aus Kiewer Sicht “das einzige Land, das unsere territoriale Integrität bedroht”, sagt Premier Jazenjuk, und so soll in Zukunft eine schleichende Intervention mit mechanischen Mitteln zumindest erschwert werden.

Er hätte vielleicht anfügen sollen: “Aus Sicht des jetzigen Kiews”.
Denn der hier vielfach zitierte, neue ukrainische Ministerpräsident Jazenjuk, der im Zuge eines Putsches an die Macht kam und dann demokratisch weitgehend legitimiert wurde, sieht Russland völlig anders als es das Kiew des Jahres 2013 sah.  Wie es dazu kam, habe ich ja einmal im Schnelldurchlauf versucht zu beschrieben
Und das Jazenjuk kaum prowestlicher und mehr “pro Amerika” sein kann, das hat er bereits mehrfach bewiesen.
Hier z.B. ( https://www.youtube.com/watch?v=uLmQSU4fk4c ) besucht er Präsident Obama, noch ohne eine demokratische Legitimation, um sich noch als prowestlicher Putschist die Loyalität der USA zu sichern. Putschist, oder euphemistisch in der Öffentlichkeit des Westens auch “Übergangsregierung” genannt.

Zugegeben: Gleichberechtigung sollte für alle gelten. Einst war es die Sowjetunion in Form der DDR, die die Mauer errichte, nun darf auch mal der Westen ran. Ist ja eigentlich nur fair, oder?
Schließlich gab es auch mal die Kreuzritter, die für Angst und Schrecken gesorgt haben, weshalb jetzt islamische Terrororganisationen ebenso spielen dürfen. Oder Russland, das jetzt auch mal einen auf “USA” macht, wobei die USA immer noch einen auf USA macht…
Wozu soll man denn auch aus Geschichte lernen, wenn sie nicht nur die eigene betrifft?…
Der Mauerbau ist jedenfalls gerechtfertigt, findet Rainer Haubrich von Die Welt.
(siehe Link oben, http://www.welt.de/debatte/kommentare/article132158604/Die-Ukraine-tut-gut-daran-ihre-Grenze-zu-sichern.html, Springerpresse verlinke ich nicht anklickbar 😉 )

Herr Haubrich nennt als Rechtfertigung nur die besten Beispiele:

Deshalb hat die Welt immer mit Mauern gelebt – und tut es bis heute. Von der Mutter aller Mauern in China, die das Riesenreich 2000 Jahre lang gegen nomadische Völker im Norden schützte, über die römischen Limites, mit denen das Imperium seine Grenzen kontrollierte, bis zu den wirksamen Befestigungsstreifen der Gegenwart: die Grenze zwischen Israel und dem Libanon etwa oder der 3000 Kilometer lange, mit Zäunen bewehrte Streifen zwischen den USA und Mexiko, der den Zustrom von Wirtschaftsflüchtlingen aus Mittelamerika zumindest eindämmen soll.

China, mit einer Mauer, die vor etwa 2700 Jahren gebaut wurde,
dem römischen Limes, vor etwa 2000 Jahren,
die völlig friedliche und sinnvolle Grenze zwischen Israel und seinen Nachbarn,
oder der ebenso unstrittigen Grenze zwischen den USA und Mexiko (die wurde in “Machete” ja nicht einfach willkürlich persifliert.)

Das sind also Beispiele, die für einen Mauerbau in der Ukraine sprechen?
Wie geht es Ihnen? Empfinden Sie derartige Beispiele nicht entweder als Relikt aus einer längst vergangenen Zeit, in der Kriege ein probates Mittel der Politik waren und die Gesellschaft weit entfernt von Moral & Werten der heutigen war oder als Beispiele dafür, warum es derartige Grenzen im 21. Jahrhundert auf keinen Fall mehr geben darf?
Sicherlich war die Berliner Mauer auch in ihrer Funktion etwas anderes, als jene, die die ukrainische Regierung plant. Aber noch wissen wir das ja überhaupt nicht.
Sollte der Westen nicht langsam einmal eine neutrale Position einnehmen, anstatt kurz nach Bekanntgabe des “Mauerbaus” gegen Russland weitere Sanktionen zu verhängen?
Welche handfesten Beweise gibt es, dass wir fast blind Russland als Feind sehen und der neuen ukrainischen Regierung vollstes Vertrauen schenken, wenn antirussische Proteste während der Euromaidan Bewegung eine der wenigen deutlichen Beweise (eben für die andere Partei…) waren oder Jazenjuk folgendes erst vor kurzem sagte:
(http://de.wikipedia.org/wiki/Arsenij_Jazenjuk)

Am 16. März drohte Jazenjuk den „separatistischen russischen Rädelsführern“: „Wir werden sie alle finden — auch wenn es ein oder zwei Jahre dauert — und sie zur Rechenschaft ziehen und vor ukrainischen und internationalen Gerichten anklagen. Der Boden wird brennen unter ihren Füßen.“

War er etwa in seiner Rolle als Putschist so weit von einem Separatist entfernt?

Und was wird nun eigentlich aus der russischen Bevölkerung in der Ukraine, die Verwandte in Russland besuchen möchte?
(Nicht vergessen: Der Anteil der russischen Bevölkerung in den Separatistengebieten ist eklatant groß)
Wird das wirklich ohne Beanstandungen möglich sein, wie zuvor?
Man darf gespannt sein, aber ein ungutes Gefühl im Bauch darf mindestens erlaubt sein…

 

 

Beitragsbild:
Bernauer Strasse 1973“ von Karl-Ludwig Lange – Eigenes Werk (Originaltext: eigenes Foto). Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.